
Die ländliche Gegend hat mit ihrer natürlichen Schönheit eine ganze Menge zu
bieten. Ein intaktes Vereinsleben, dörfliche Mittelpunkte, freundliche
Menschen, Umweltbewusstsein: Attribute gegenüber den städtischen Strukturen,
die einerseits viele Bürgerinnen und Bürger davon abhalten, in
Ballungsgebiete umzuziehen. Jeder kennt (fast) Jeden, Gespräche mit dem oder
den Nachbarn und man lernt sich kennen und sich auch gegenseitig behilflich
zu sein.
Nachteile sind oft die
fehlenden Verkehrsverbindungen, z.B. zum Arbeitsplatz, das Kulturangebot ist
eingeschränkt und ein ganz wesentlicher Faktor macht sich bemerkbar: Die
Grundversorgung, vor allem mit Lebensmitteln ist unzureichend, wenn
überhaupt noch vorhanden. Und oft ist mit der Schließung des letzten
Lebensmittelgeschäftes im Ort dann nur noch die Möglichkeit gegeben, in
größeren Nachbarorten seine Grundversorgung einzudecken. Jüngere, mobile
Bürgerinnen und Bürger kommen mit dieser Situation noch einigermaßen klar,
nicht aber die älteren Bewohner.
Diese Entwicklung ist
marktbedingt, die Frage der Rentabilität hat diese Entwicklung forciert.
Es sei denn, Initiativen
entstehen von unten nach oben, wie sie in Jülich-Barmen in
Nordrhein-Westfalen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern in Angriff
genommen und – was bisher erkennbar ist – mit Erfolg auch umgesetzt haben.
Vorausschauende
Ortsbürgermeister und -gemeinderäte versuchen, mit eigenen Konzepten dieser
Entwicklung gegenzusteuern, so auch in Nanzdietschweiler. Mit der vor Jahren
eingeleiteten Dorfmoderation, wo unter Mitwirkung der Bevölkerung die
Situation vor Ort analysiert wurde, sieht sich der Ortsgemeinderat auf gutem
Weg, um gemeinsam mit dem Landschaftsplaner Andreas Hartenfels und dem
Architekten Klaus Dockendorf neue Wege aufzuzeigen.
Hier ist der Weg, den die
Menschen in Jülich-Barmen beschritten haben, eine sehr interessante
Perspektive. Und deshalb hat die Ortsgemeinde auch den dortigen Initiator
und ehrenamtlichen Geschäftsführer Heinz Frey des Vereins DorV, hinter dem
sich die Einrichtung mit dem Namen „Dienstleistungszentrum ortsnahe
Rundum-Versorgung“ verbirgt, zu dem Team der Dorfmoderation hinzugebeten.
Vor anderthalb Wochen war Heinz Frey, mittlerweile ein vielgefragter
Gesprächspartner in Sachen Dorferneuerung, in die Kurpfalzhalle nach
Nanzdietschweiler gekommen.
Frey ist kein Mensch, der
vor Mitmenschen tritt und denen „was vom Pferd erzählt“. Auch wenn er viel
erzählen könnte, er tut es nicht. Er hat das Konzept in Jülich-Barmen auf
die Beine gestellt, kennt die Geburtswehen und weiß auch, dass es in jedem
Dorf anders laufen kann. Deshalb schaut er sich die dörfliche Struktur
zuerst intensiv an, bevor er seine Thesen vorträgt.
Der Ort oder die
Kleinstadt muss sich schon in hohem Maße mit dem Vorhaben identifizieren,
muss selbst mit angreifen, sonst funktioniert das Ganze nicht. Gerade weil
am Anfang, trotz bester Ideen und vieler Mitstreiter, noch so mancher Fehler
im Detail steckt. Und die Rentabilität des Unternehmens „DorV“ erst nach
Jahren kommt.
Kein Tante-Emma-Laden im
herkömmlichen Sinn ist seine Devise. Nein, es muss schon ein schönes Stück
mehr sein. Dieses kleine Zentrum im Ort beruht nach Frey auf fünf Säulen:
Nicht nur Lebensmittel,
sondern öffentliche, halböffentliche und private Dienstleistungen sowie eine
Vielzahl sozialer und medizinischer Angebote und Leistungen sind unter einem
Dach zusammengebracht.
Gleichzeitig wird das
DORV-Zentrum zu einem Ort der Begegnung in der Gemeinde, wo man sich trifft
und auch mal „ein Schwätzchen hält“.
Betreiberstruktur
Je nach Einwohnerzahl,
Kaufkraft und betriebswirtschaftlichen Voraussetzungen wird das DORV-Zentrum
als bürgerschaftliches, integratives oder kaufmännisches Modell betrieben,
das gleichzeitig eine berufliche Existenz sichern kann. Und zudem echte neue
Arbeitsplätze bringt.
„Alles unter einem Dach“
ist eine Philosophie, die sicher nicht zu weit gegriffen scheint. Ihr liegt
zugrunde, dass angeboten wird, was die Bevölkerung brauch und trotzdem eine
Bündelung des Angebotes aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus sinnvoll
erscheint. Eine wichtige Frage ist auch die regionale Ausrichtung des
Angebotes. Und das Warensortiment muss in einer modernen Ladeneinrichtung
auch verkaufsfördernd dargestellt werden können. Gerade weil von der
Briefmarke über Lebensmittel bis Wurst und Fleisch und sogar hin zu
Bankdienstleistungen und dem Vorhandensein von Arztpraxen alles
Lebensnotwendige angeboten wird und der Begriff von Dienstleistung wirklich
zutrifft. Flexibilität, weil die Kosten anders aus dem Ruder laufen, ist
natürlich unbedingt erforderlich. Dienstleistungszentrum heißt aber auch,
dass hier kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse ihren Platz haben und
den Charakter der Dorfmittelpunktes unterstreichen. In Jülich –Barmen haben
die Bürger in Form von Anteilscheinen dem Projekt finanziell auf die Beine
geholfen. Sollte sich in Nanzdietschweiler Ähnliches auf die Beine stellen
lasen, könnte eine Art Bürgergenossenschaft für die Erstfinanzierung sorgen.
Und damit dem Projekt das erforderliche Einstiegskapital besorgen. Inwieweit
für das Projekt öffentliche Gelder beansprucht werden können, sei von Fall
zu Fall unterschiedlich, müsse aber in jedem Fall versucht werden, so Heinz
Frey. Die Dorfmoderation – immerhin kamen rund 90 Einwohner/innen zum
Vortrag – werde das Thema stets am Kochen halten und somit auch die
notwendigen Schübe für die Verbesserung liefern.
Nächster Schritt werde
eine Bedarfs-Analyse sein, in der die Bürger per Fragebogen um ihre
Erwartungen an die „Einkaufs- und Dienstleistungszentrale in spe“ gebeten
werden. (Horst Cloß)